Schöner Bauen - Mit Computer und Kreissäge
Die Jahre, in denen Architekten sich vor Aufträgen kaum retten konnten, sind vorbei. Harte internationale Konkurrenz und schlechte Jobchancen - die Fassade des Traumberufs bröckelt. Das Studium allerdings bietet viel Abwechslung, manchmal sind wunderbar größenwahnsinnige Visionen gefragt.

Angehende Schauspieler, Kaukasiologen und Neogräzisten kennen das: besorgte Fragen, wie sie sich später mit dieser brotlosen Kunst je ernähren wollen. Architekturstudenten ergeht es da besser. "Bei Eltern gilt Architektur als anständiger Beruf", sagt Stephan Seeger, 27, Architekturstudent aus Braunschweig. "Noch", fügt er hinzu - und grinst.
Gebaut - so lautet das schöne alte Klischee - wird schließlich immer und überall.
Waren etwa nicht vier der sieben Weltwunder architektonische Höchstleistungen? Und beschäftigt nicht sogar die US-Raumfahrtbehörde Nasa jede Menge Architekten, damit diese für die geplante Besiedelung anderer Planeten vorsorglich schon mal Wohnmodule entwerfen?
Was viele Eltern zum Glück nicht ahnen: Die Zeit der Mars-Bebauung ist noch nicht angebrochen, die der Weltwunder dagegen vorbei - und die Jahre, in denen sich Architekten vor Arbeit nicht retten konnten, auch.
Heute jubiliert der Architekten-Nachwuchs, wenn er überhaupt irgendeinen Job ergattert. Jedes Jahr nehmen 7.000 Studenten ihr Architekturdiplom in Empfang. Aber nur 50 Prozent der Absolventen kommen anschließend im erlernten Beruf unter. Und das, nachdem sie im Durchschnitt 13 Semester an einer Universität, beziehungsweise 11 Semester an einer Fachhochschule in ihre Ausbildung investiert haben.

"Es gibt zu viele Architekten"

Nicht dass früher alles besser gewesen wäre: "Je intensiver die Ausbildung, desto größer die Berufschancen - gilt diese bewährte Relation noch, wenn die wachsende Menge der Kandidaten bei synchron schwindenden Berufsaussichten bloß noch das Bild einer gewaltigen Unübersichtlichkeit hergibt?" Diese Frage stellte der Leitfaden "Studieren in Deutschland" - und zwar schon Anfang der neunziger Jahre.
Die gute Nachricht aus dem Jahr 2003: In Deutschland sind derzeit - Universitäten und Fachhochschulen zusammengerechnet - etwa 50.000 Architekturstudenten eingeschrieben. Damit ist der Run auf die Studienplätze (und damit die Zahl der künftigen Konkurrenten) inzwischen leicht rückläufig - aber nicht so sehr, dass sich die Job-Lage demnächst entspannen würde.
"Es gibt viel zu viele Architekten", beschwert sich auch das Fachblatt "Archplus". Tatsächlich kämpfen in Deutschland über 120.000 Architekten um Aufträge. Damit besitzt die Bundesrepublik die höchste Dichte an Architekten auf der Welt - exakt einen pro 750 Einwohner.
Wer den Berufseinstieg schafft, kann also von Glück reden. Oder auch nicht: Gerade Berufsanfänger müssten sich mit vielen Nachteilen abfinden, warnt "Archplus"-Redakteurin Sabine Kraft: Verträge auf Zeit, viele Überstunden und ein geringer Verdienst seien übliche Einsteigerärgernisse. "Um einen Traumberuf handelt es sich ganz bestimmt nicht."

Parkgarage statt Wolkenkratzer

Oder doch? Welche Fachrichtung ist schon so abwechslungsreich: Das Studium bewegt sich zwischen solch unterschiedlichen Polen wie Philosophie und Lichtplanung, Denkmalpflege und Raumakustik. "Und in welchem anderen Fach darf man, praktisch gleichzeitig, mit Computer und Kreissäge hantieren?", fragt Student Seeger.
Man muss sogar: Beide Instrumente wollen virtuos beherrscht werden. Denn die Präsentation der Entwürfe - mit dreidimensionalen Modellen und ergänzend mit aufwendigen Computeranimationen, die gern auch mit Musik unterlegt sein dürfen - ist wichtiger denn je: Erst muss der Professor, später der Investor überzeugt werden.
Die meisten Studenten werden nach dem Examen zwar keine spektakulären Wolkenkratzer, exzentrische Villen oder gar neue Städte entwerfen, sondern sich an Parkgaragen, Supermärkten, Bürokomplexen oder den Sanitärbereichen neuer Flughäfen versuchen. Aber zumindest während des Studiums sind noch phantasievolle, manchmal sogar wunderbar größenwahnsinnige Visionen gefragt: wenn etwa sich Studenten an der Technischen Universität Berlin schwimmende Häuser für die Hauptstadt oder unter dem Motto "Think Big" Architekturvisionen für die Finanzmetropole Frankfurt am Main ausdenken sollen.
Vor allem aber hat sich das Studium der Baukunst in den vergangenen Jahren zu einer beneidenswert kosmopolitischen Angelegenheit entwickelt - aus gutem Grund: Schließlich sind viele große Architekturbüros international tätig, heute bauen sie in Hamburg-Altona und Stuttgart-Degerloch, morgen in Shenzhen oder Dubai. Das Architektendasein wird zum Nomadenleben. Wer kann, gestaltet bereits seine Ausbildung möglichst weltläufig und sammelt damit schon mal Job-Bonuspunkte. Exkursionen, Auslandssemester und -praktika sind die Regel, nicht die Ausnahme.

"Diejenigen, die es nicht ins Ausland zieht, sind oft auch nicht gerade die besten und motiviertesten Studenten", so nüchtern sieht es Professor Per Krusche von der Technischen Universität in Braunschweig. Aber zum Glück begnügten sich nur etwa 20 Prozent der Studenten damit, ihr Studienleben ausschließlich in Deutschland zu verbringen, lobt er. "Die Studenten nehmen die Globalisierung viel ernster als wir, die Generation der Professoren."
Das müssen sie allerdings auch. Ein offener Arbeitsmarkt bietet zwar viele zusätzliche Chancen, aber er bedeutet auch, dass die Neueinsteiger nicht nur mit ihren Kommilitonen in Deutschland, sondern mit dem gesamten Rest der Welt um Stellen konkurrieren. Peter Bausbach, 33, beispielsweise bewarb sich nach seinem Studium in Deutschland und Nordamerika bei dem berühmten Büro Murphy & Jahn in Chicago - als einer von vielen ausländischen Bewerbern. Erfolgreich. Mittlerweile ist er von Chicago nach Mannheim gezogen, wo Murphy & Jahn ein Bürogebäude errichten.
Bausbach hat den Einstieg geschafft. Er ist dennoch der Meinung, dass das Studium "multifunktionaler ausgerichtet sein sollte". Dass die Hochschulen also alle, die nicht in der Architekturbranche unterkommen, auch auf Alternativen vorbereiten sollten, etwa auf Ausweichtätigkeiten im Produktdesign.
Wer einmal einen Job ergattern will, darf sich auf jeden Fall nicht nur auf die Ausbildung an der Uni verlassen: Für Hochschulen gilt in Deutschland das Prinzip der Selbstverwaltung, für Studenten ist Autonomie ebenso geboten, ob es nun Praktikumsplätze oder das Anmieten von Ateliers für den Bau von Modellen betrifft. "Man wird ganz schnell zum Autodidakten, das hat aber auch Vorteile, man lernt, sich selbst zu organisieren", sagt der Student Markus Sieminik, 26, der in Braunschweig immerhin den - an deutschen Architekturfakultäten eher seltenen - Luxus von geräumigen Zeichensälen genießen darf, in denen er auch seine Modelle bauen kann.

Zwischen Kunst, Handwerk und Technik

Am Anfang, im besten Fall schon vor der Immatrikulation, stehen noch ganz andere Grundsatzfragen an: Will man später eher elegante Designershops bauen oder Studien über den Städtebau in Entwicklungsländern erarbeiten - oder beides, wie der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas? Und: Wo genau lernt man das?
"Das Studium an einer Fachhochschule unterscheidet sich von dem an einer Technischen Hochschule oder Universität in erster Linie durch seinen unmittelbaren Bezug zur angewandten Praxis gegenüber einer mehr theoretischen Ausrichtung" - so informiert die Fachhochschule Bochum. Wahr ist, wer sich zum Künstlerarchitekten berufen fühlt, den wird es an eine Universität verschlagen, wer sich als Ingenieur versteht, geht an eine Fachhochschule. Und wer es ganz eilig hat, kann etwa an der Fachhochschule Münster einen Bachelor-Studiengang in sechs Semestern absolvieren. "Man sucht sich die Unis nach den Architekten aus, die dort lehren", sagt der junge Berliner Architekt Thomas Stadler, der in München, Wien und Berlin studiert hat.
Im Gegensatz etwa zu Großbritannien existiert in der föderalistisch geprägten Bundesrepublik so etwas wie eine ausgewiesene und entsprechend vorbildlich ausgestattete Elite-Schmiede nicht, eine Hochschule, an der sich all jene Studenten bewerben, die später einmal weltberühmt werden wollen.
In Deutschland gilt mal die Technische Hochschule Aachen als prestigeträchtigste Adresse, dann wieder die Fachhochschule Darmstadt. Nach Berlin zieht es, auch wegen des Metropolenflairs, mit Abstand die meisten Studenten. Die Fachhochschule Bielefeld muss da schon mit der "persönlichen Atmosphäre" und der guten Ausstattung werben.
Für potenzielle Uni-Studenten hatte bis zum Sommersemester 2002 ohnehin die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen das letzte Wort. Mittlerweile aber müssen sich Interessenten direkt bei den Hochschulen bewerben. Das wiederum zwingt die Universitäten dazu, ein entsprechend attraktives Programm anzubieten. Nur fehlt den meisten deutschen Hochschulen das Geld, um etwa die Bibliotheken vorbildlich auszustatten und weltberühmte Architekten als Lehrpersonal einfliegen zu lassen.

"Ich will entwerfen und bauen"

Damit der Nachwuchs trotz aller düsteren Aussichten zu Höchstleistungen angespornt wird, kamen Sabine Kraft und ihre Kollegen vom Fachmagazin "Archplus" auf die Idee, jedes Jahr Preise für herausragende Diplomarbeiten zu verleihen.
Carola Dietrich, 30, war 2001 eine der ersten Preisträgerinnen. Sie studierte an der Universität Kaiserslautern, zeitweise in London und fing anschließend als Jungarchitektin bei dem bekannten Rotterdamer Büro MVRDV an. Seit kurzem arbeitet sie als selbständige Architektin und betreut von München aus freiberuflich zwei MVRDV-Projekte. Natürlich ärgere es sie manchmal, dass sie Nächte durchschufte, doppelt so viel arbeite wie viele ihrer Freunde und nur einen Bruchteil von dem verdiene, was in anderen Berufen bezahlt werde, sagt Dietrich.
Bereut sie es, Architektin geworden zu sein? "Auf keinen Fall. Ich will entwerfen und bauen, und wahrscheinlich will das jeder, der dieses Fach einmal mit viel Engagement studiert hat. Ich habe nie über Alternativen nachgedacht."

Quelle: UniSPIEGEL - SPIEGELnet AG, 2/2003, Ulrike Knöfel