Architektur - Ein langer Weg bis hin zum Haus
Die Arbeit am Zeichentisch ist längst nicht mehr alles. Ein Architekt muss heute Mehrkämpfer sein.

Deutschland ist die Nation der Baumeister. Ein Architekt für 800 Einwohner - das ist die mit Abstand höchste Dichte der Welt. Rund 170.000 Ingenieure konkurrieren hier um Bauaufträge. In Italien sind es 66.000, in Spanien 24.000. Und es sieht nicht so aus, als würde der Konkurrenzdruck in absehbarer Zeit geringer. Während die Studentenzahlen in anderen Ingenieurstudiengängen in den vergangenen Jahren stark zurückgingen, reißt der Strom der zukünftigen Hausbauer nicht ab: Seit Mitte der 80er beginnen jedes Jahr etwa 6.000 bis 7.000 Abiturienten ein Architekturstudium. Zum Wintersemester 1997/1998 schrieben sich erneut rund 6.000 Erstsemester ein, die Hälfte davon an einer Fachhochschule. Dabei sind Frauen in Architekturvorlesungen - anders als bei den Maschinenbauern oder Elektrotechnikern schon lange keine Seltenheit mehr: Ihr Anteil liegt bei fast 46 Prozent.

Das Fach: Walter Gropius, Mies van der Rohe oder zuletzt Sir Norman Foster: Das sind die Ikonen der Baukunst, die Stars, die viele Menschen kennen. Doch der gemeine Architekt wird nur äußerst selten berühmt. Meist entwirft er Einfamilienhäuser am Stadtrand oder plant sozialen Wohnungsbau im Auftrag der Gemeinde. Gewinnt er als Mitglied eines großen Büros einen der vielen stress- und arbeitsreichen Wettbewerbe, darf er vielleicht am Enstehen eines Bankpalastes, Bahnhofes oder Flughafens mitwirken. Aber während früher Bauherr und Architekt vom Entwurf bis zur Realisierung gemeinsam marschierten, drängen heute in der Regel Projektentwickler, Generalunternehmer und zum Teil große Baukonzerne neben und zwischen die beiden. Zudem beanspruchen organisatorische, betriebswirtschaftliche und rechtliche Aspekte des Bauens einen weitaus größeren Teil der Arbeitszeit als der eigentliche, kreative Job des Planens. Der Entwurf selbst entsteht dabei immer seltener am Zeichenbrett. Computer-Aided-Design, kurz CAD heißt die Software, die Häuser und Brücken virtuell auf den Bildschirm zaubert. Und es gibt kaum noch eine Präsentation ohne 3-D-Projektion.

Das Studuim: Sechseinhalb Jahre verbringt ein Architekturstudent durchschnittlich an seiner Universität - das ist fast ein deutscher Rekord, denn länger sitzen nur die evangelischen Theologen in den Hörsälen. In dieser Zeit steht neben viel Theorie auch eine Menge Praktisches auf dem Lehrplan. Studieninhalte sind einmal Darstellende Geometrie, Vermessungswesen, Baukonstruktion und Entwerfen, Gebäudelehre, Tragwerklehre und Haustechnik. Dazu kommen Bauchemie, Bauphysik und Baustoffkunde mit Vorlesungen und Übungen zu Themen wie Korrosionsschutz, Materialprüfung sowie Dämmung, Brand- und Schallschutz. Im Fach Malerei und bildnerische Gestaltung dürfen die Studenten dann ihre künstlerisch-gestalterischen Fähigkeiten von der Bildkomposition bis zum Aktzeichnen beweisen. Eher theoretisches Wissen ist wieder in den Fächern Bau- und Kunstgeschichte sowie Baurecht gefragt.

Die Aussichten: Vom Sommer 1994 bis Juni 1999 hat sich die Zahl der arbeitslosen Architekten verdreifacht. Zwar waren im September 1998 erstmals etwas weniger Arbeitssuchende als im Jahr zuvor gemeldet; "von einer Trendwende kann man bei einem Rückgang von gerade mal 0,7 Prozent sicher noch nicht sprechen", meldet die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesanstalt für Arbeit, "vielleicht eher von einem Stopp". Die Arbeitslosigkeit trifft vor allem die Jungen: Rund 36 Prozent der Unbeschäftigten waren jünger als 35. Insgesamt entspricht der Anteil der Frauen mit 42 Prozent fast ihrer Ouote an den Hochschulen. Auch in den nächsten Jahren wird die Arbeitsmarktsituation nach Einschätzung der Bundesanstalt schwierig bleiben. Ein Bauboom wie in den frühen 90ern ist nicht in Sicht, Städte und Gemeinden halten sich aufgrund leerer Kassen mit Investitionen zurück. Das Fazit der Arbeitsvermittler: "Die Berufschancen, insbesondere für junge Architekten, sind aller Voraussicht nach nicht gut."

Quelle: Start - Studienführer, 1/2000, Inga Olfen