|
Arbeitsmarkt - Trübe Aussichten für Architekten
Während man aus der Baubranche ein leichtes Aufatmen hört, scheint sich der Wettkampf auf dem Arbeitsmarkt für Architekten zu verschärfen. Chancen und Nischen sind rar und müssen hart erarbeitet werden.
Über mangelnde Konkurrenz können sich Architekten hierzulande nicht beschweren: Fast 90.000 kammerrechtlich eingetragene Architekten gibt es in Deutschland, plus 70.000, die nicht bei den Kammern verzeichnet sind. Über die Hälfte der eingetragenen Architekten sind freiberuflich tätig. Nur zum Vergleich: In Italien sind es rund 66.000, in Großbritannien 31.000 und in Frankreich nur 26.000. Auf den Nebenschauplätzen der Architektur kommen die Mitstreiter aus verwandten Branchen wie Bauingenieurwesen, Geographie, Ökonomie oder auch Jura hinzu. Keine rosigen Aussichten vor allem auch für Hochschulabsolventen: Keine rosigen Aussichten vor allem auch für Hochschulabsolventen: Von Arbeitslosigkeit sind besonders die Einsteiger betroffen. Etwa 36 Prozent der arbeitslos gemeldeten Architekten sind unter 35 Jahre alt.
Ralph Eichel, als Arbeitsmarktexperte bei der Bundesanstalt für Arbeit tätig, geht davon aus, daß die Zahl der Architekten, die nur befristete Arbeitsverträge erhalten, weiter steigen wird. Freie und projektgebundene Mitarbeit sei weit verbreitet – besonders unter Berufsanfängern. Die Suche nach der ersten Stelle steht für viele unter dem Motto: Erst einmal einen Fuß in der Tür haben.
Spricht man vom Arbeitsmarkt für Architekten, spielen vor allem regionale Konzentrationen eine Rolle. Johannes Dell, Partner und Mitglied der Geschäftsführung des renommierten Frankfurter Architekturbüros AS und P, erklärt die Lage: "In den Metropolen Berlin, Frankfurt und München beispielsweise wird gebaut, auch die ersten Lichtstrahlen des Aufschwungs sind sichtbar und verheißen bessere Chancen für Architekten. Leider trifft dies nicht auf alle Großstädte zu. Auch in der Provinz sieht es 'mau' aus, abseits der Ballungszentren passiert recht wenig." Abgesehen davon dränge vom europäischen Arbeitsmarkt Konkurrenz ins Land. Die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) in Deutschland sei bindend, führt die Geschäftsführerin des Bundesverbandes Deutscher Architekten, Nicolette Baumeister, aus. "Da haben ausländische Architekten leichtes Spiel, ihre deutschen Kollegen und Kolleginnen zu unterbieten."
Die allgemein beklagte strukturelle Krise der Bauwirtschaft als alleinige Antwort auf die trübe Situation der Architekten ist nur ein Teil der Wahrheit und mit dem Motto "Warten auf den Aufschwung” nicht viel gewonnen: "Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, daß die Bauwirtschaft in Zukunft nicht mehr die Schrittmacherrolle übernehmen kann, die ihr in der Nachkriegszeit zugekommen ist", so Dr. Christoph Münzer, Geschäftsführer der Bundesarchitektenkammer. "Entsprechend sieht die Nachfrage nach Architektendienstleistungen aus. Dies ist keine Schwarzmalerei, sondern die Einsicht in einen ebenso unaufhaltsamen wie bedauerlichen volkswirtschaftlichen Vorgang."
Auch der Tätigkeitsbereich des Architekten hat sich gewandelt und der Trend hält an. Zwar gibt es sie noch, die Architekten als Visionäre, kreative Planer und Gestalter unserer Umwelt, die mit ihren Schöpfungen der Nachwelt und sich selbst ein Denkmal bauen – aber mit einem (bis maximal fünf) Prozent bilden sie die kleine, elitäre Minderheit der Zunft. "Das Gros der Projekte sind Zweckbauten. Der Anspruch an den Architekten liegt hier eher in der reibungslosen Durchführung des Projektes als in der kreativen Glanzleistung. Daher werden auch in Zukunft Anbieter für Generalplanung gefragt sein und somit größere Büros, die Steuerungs- und Managementaufgaben übernehmen können."
Kaum Bedarf an Neubauten
Die Folge: ein Zentralisierungsprozeß. Kleinere Architekturbüros, die mangels Personal größere Projekte dann gar nicht mehr übernehmen könnten, so Johannes Dell, müssen sich verstärkt ihr Überleben in Nischen wie dem energiesparenden Bauen sichern. "Man muß den Arbeitsmarkt differenziert betrachten." Nicolette Baumeister sieht trotz des harten Wettbewerbs noch Chancen: "Im Moment ist der Markt zu dicht, so daß man auch nicht mehr von gesundem Wettbewerb sprechen kann." Aber: "In den Bereichen Modernisierung, Instandsetzung und Altbausanierung wird in den nächsten Jahren stärker investiert werden. Hierzu gehört auch das Thema Abrißmanagement." Deutschland gilt als bereits "gebautes Land" – mit einem geringen Bedarf an Neubauten. Zunehmend gefragt ist dagegen die Generalplanung und hier stellen Bauingenieure eine harte Konkurrenz dar. Baumeister: "Hier müssen Architekten Netzwerke mit Handwerksbetrieben und Kooperationen mit anderen Büros eingehen, um gegen die Großen der Baubranche bestehen zu können." Aber auch in alternativen Berufsfeldern wie den Baumessen, vor allem in München und Leipzig sowie Kultureinrichtungen und Verlagen, die auf architektonische Publikationen spezialisiert sind, sind Tätigkeitsfelder vorhanden.
CAD-Kenntnisse müssen sein
Stellenanzeigen, in denen nicht CAD-Kenntnisse (Computer Aided Design) verlangt werden, sind inzwischen rar geworden. "Ohne CAD-Kenntnisse hat man keine Chancen. CAD ist heute keine zusätzliche Qualifikation, die ein Bewerber vorweisen kann, sondern gehört zum selbstverständlichen Handwerkszeug dazu." Nicolette Baumeister sieht vor allem in der mangelhaften Ausstattung vieler Universitäten ein Problem: "Die meisten verfügen über viel zu wenig EDV-Arbeitsplätze, so daß sich die Studierenden ihre Kenntnisse über Büropraktika aneignen müssen." Universitäten bieten zwar Einführungskurse an, aber das Beherrschen der Spezialsoftware erfordert weit mehr als ein paar Kursstunden. Neben teuren Schulungen helfen hier nur Learning-by-doing oder Weiterbildungsangebote der Arbeitsämter. Ebenfalls nahezu unentbehrlich: praktische Erfahrungen. Um als kompletter Dienstleister am Markt auftreten zu können, gehören für Unternehmen auch kaufmännisches und juristisches Know-how sowie Managementtalent zu den Schlüsselqualifikationen. Nur wenige Architekten können noch ausschließlich als kreative Künstler arbeiten.
"Wir bekommen jeden Monat rund 30 Initiativbewerbungen. Es ist erstaunlich, was junge Absolventen bereits anzubieten haben: Sie beherrschen beispielsweise mehrere Sprachen und Computerprogramme, haben Auslandserfahrung und auch schon einen Preis gewonnen." Wer allerdings zum Team von AS und P gehören möchte, muß neben hervorragender fachlicher Kompetenz auch über soziale Kompetenzen verfügen. "Das bedeutet, daß die Bewerber in der Lage sein müssen, andere von ihren Ideen zu überzeugen, sie für sich zu gewinnen, an einem gemeinsamen Ziel mitzuwirken." Ob Frau oder Mann spiele überhaupt keine Rolle. Der Frauenanteil bei AS und P sei sehr hoch.
Viele arbeiten fachfremd
Rund 45.000 Studierende zählten die Fächer Architektur und Städtebau im Jahr 1999. Im Durchschnitt dauert das Studium 13 Semester und somit stehen viele Absolventen dem Arbeitsmarkt erst mit zirka 30 Jahren zur Verfügung. Zu spät – wie viele Experten meinen. Die Konkurrenz aus dem Bauingenieurwesen kommt mit wesentlich kürzeren Studienzeiten aus. Trotz eines hohen Anteils an Studienabbrechern – rund 30 Prozent – strömen jedes Jahr an die 5.000 neue Architekten auf den Arbeitsmarkt. "Wir haben in der Tat einen Angebotsüberhang. Da immer noch mehr 'Neue' auf dem Markt sind als Architekten, die aus dem Arbeitsleben ausscheiden, nimmt der Wettbewerbsdruck noch weiter zu. Nur die Besten haben eine Chance, sich auf dem Markt durchzusetzen."
Daß die Zahl der Studienbewerber nicht weiter ansteige, so Dr. Christoph Münzer weiter, sei beruhigend. "Einfach zu viele", meint auch Johannes Dell, "nur die Besten werden in den klassischen Arbeitsfeldern der Architektur unterkommen. Der große Rest muß auf fachfremde Gebiete ausweichen oder sich mit reiner Gebrauchsarchitektur beschäftigen. Das bedeutet neben langen Arbeitszeiten auch einen engen kreativen Rahmen und niedriges Gehalt."
Quelle: FAZ - Hochschulanzeiger, 50/2000, Katharina Vähning
|