Hamburg: Architekten in der Krise
Bauflaute: Die Arbeitslosigkeit in dem Berufsstand hat sich in vier Jahren verdoppelt.

HHamburg - "Es kam praktisch über Nacht", erinnert sich Charles de Picciotto (36) an die Flut von düsteren Nachrichten am Anfang dieses Jahres.

Damals legten vier Kunden ihre Projekte auf Eis. Das Büro de Picciotto und Wittorf Architekten BDA musste sich von fünf auf drei Architekten verkleinern. "Nach wie vor verzögern sich viele, gerade attraktive Projektentscheidungen", sagt de Picciotto. Dabei war er mit besten Voraussetzungen gestartet: Der gebürtige Amerikaner hatte sieben Jahre im Büro des Star-Architekten Meinhard von Gerkan wertvolle Kontakte knüpfen können, bevor er sich 1998 gemeinsam mit Lars Wittorf (38) selbstständig machte. Bessere Zeiten, damals.

Heute treibt die Bauflaute den Berufsstand in die tiefste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein Drittel aller Büros gilt als akut existenzgefährdet. Wahrscheinlich werden schon in den nächsten Monaten auch bekannte Namen vom Markt verschwinden. Schließlich seien die Banken inzwischen "extrem vorsichtig" bei Architekten: "Wir können als Dienstleister ja leider keine Sicherheiten bieten", sagt de Picciotto. Bei Auftragsflauten die Gehälter einfach mal zwischenzufinanzieren, sei da kaum möglich. "Wer kein Polster hat, kann von heute auf morgen vom Markt verschwunden sein", sagt Bernd Pastuschka, wie ehedem de Picciotto Mitarbeiter des Architekturbüros von Gerkan, Marg und Partner (gmp).

Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind dramatisch: Wegen der ausbleibenden Aufträge hat sich die Zahl der Architekten auf Jobsuche in den vergangenen drei Jahren auf bundesweit knapp 9.000 erhöht - eine Verdoppelung. Verdoppelt hat sich die Zahl der arbeitslosen Architekten auch in Hamburg, auf heute 400, sagt Knut Böhrnsen, Sprecher des Hamburger Arbeitsamtes.

Eine Besserung ist nicht in Sicht, weil selbst eine Konjunkturerholung nicht unbedingt aus dem Tief hilft: Es gibt einfach zu viele Architekten in Deutschland. Hierzulande buhlen fast so viele Architekten um Bauaufträge wie im gesamten übrigen Europa (ohne Italien). Tendenz steigend: Gegenüber Mitte der 90er-Jahre gab es Anfang 2003 in Deutschland ein Viertel mehr Architekten und Stadtplaner. Heute kommt auf 737 Einwohner ein Architekt, Hamburg hat nach Berlin und Baden-Württemberg sogar eine der höchsten Architektendichten überhaupt.

Dazu kommt noch, dass allen Krisenmeldungen zum Trotz der Run auf den Beruf ungebrochen ist. Jedes Jahr strömen knapp 7.000 Absolventen von den Hochschulen auf den Arbeitsmarkt. Die Universitäten bilden doppelt so viele Architekten aus wie der Markt braucht, heißt es bei der Bundesarchitektenkammer.

Die Betroffenen müssten ins Ausland gehen oder sich einen anderen Job suchen, rät Bernd Pastuschka von gmp, der auch Dozent im Bereich Architektur an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) ist. In Berufe wie Makler, Immobilienbewertung oder den PR-Bereich auszuweichen, sei oft der einzige Weg aus der Arbeitslosigkeit. Nur für die Begabtesten lohnt sich überhaupt eine Bewerbung bei einem Architektenbüro. Die wiederum sind wegen des Andrangs in der luxuriösen Position, die Gehälter kräftig drücken zu können. 44 Prozent der 114 000 in der Kammer organisierten freien und fest angestellten Architekten verdienen höchstens 2.000 Euro brutto im Monat, 20 Prozent müssen sich sogar mit weniger als 1.500 Euro begnügen.

Auch zwischen den Architekturbüros selber tobt der Preiskampf. Viele begnügen sich mit Honoraren, die bis zu 50 Prozent unter der Honorarordnung (HOAI) liegen, sagt ein Insider. Und bei Großbauten ist es an der Tagesordnung, dass sich Architekten gegenseitig unterbieten und die HOAI überhaupt keine Rolle mehr spielt.

Für Hamburger Büros gibt es bei all den schlechten Nachrichten allerdings einige wenige Lichtblicke: Das Konzept der wachsenden Stadt, die HafenCity und Projekte wie Channel Harburg bringen neue Aufträge. "Wir können uns nicht beklagen", sagt etwa Hakki Akyol (45) von Akyol, Gulotta, Kamps Architekten Hamburg dem Abendblatt. Das Büro mit fünf Mitarbeitern plant derzeit den China-Tower in Harburg, ein 18-stöckiges Gebäude mit Mietflächen für Unternehmen aus Fernost und ihre Geschäftspartner in Hamburg.

Auf dem Dach soll ein chinesischer Löwe über Hamburg wachen. Er ist in China Symbol für Gesundheit, Glück und Reichtum. Vielleicht hilft er ja etwas.

Quelle: Hamburger Abendblatt, 10/2003, Melanie Wassink